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12 August 2020

Früher, als ich klein war, gab es ein Buch. Das Buch hieß: „Der Struwwelpeter“. Natürlich gibt es das Buch immer noch. Es gilt aber als pädagogisch äußerst fragwürdig und wird Kindern eher selten vorgelesen; kein Wunder, werden darin doch dem armen Konrad die Daumen mit der Schere abgeschnitten, weil er andauernd an ihnen lutscht und Paulinchen verbrennt zu einem Häufchen Asche, weil es unerlaubterweise mit den Zündhölzern gespielt hat. Harter Tobac, aber das Buch stammt auch aus dem Jahr 1844; also aus einer Zeit zu der man noch Neger sagen durfte. Geht heute ja auch nicht mehr.

Seit ich Betreuer bin, kommt mir das Buch immer wieder in den Sinn; vor allem der Suppenkasper hat es mir angetan.

Herr Ähm ... wird Berufsbetreuer!

„Also eigentlich ist das alles ganz einfach“, sagte mir eine Freundin: „Man schreibt eine Bewerbung an die Betreuungsbehörde, wird zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und nach einer Prüfung schlägt die Behörde einen als Betreuer vor; und - wenn es gut läuft - wird man vom Gericht nach ein paar ehrenamtlich geführten Betreuungen zum Berufsbetreuer bestellt“. Klingt machbar, denke ich.

Ich greife also zum Telefonhörer und rufe bei den Betreuungsbehörden in meinem Bezirk und in der Umgebung an. „Guten Tag Herr Ähm., Berufsbetreuer? (Untertext: Sind Sie des Wahnsinns) - nein kein Bedarf (Untertext: Stören Sie nicht, wir haben Wichtigeres zu tun), melden Sie sich doch in ein paar Monaten noch einmal (Untertext: Vielleicht kann man den später noch gebrauchen)“. Nächster Versuch: „Ja, dann schicken Sie doch mal ein paar Unterlagen, Bewerbungsschreiben, Führungszeugnis und so weiter…!“ Motiviert durch den Strohhalm, den man mir reicht, stelle ich eine Bewerbungsmappe zusammen, lasse schicke Bewerbungsfotos machen und suche Zeugnisse über meine Qualifikationen und Berufserfahrung zusammen; die ich an den Behördenmenschen schicke. Der Ladendiebstahl, den ich mit 16 nicht gerade nüchtern begangen habe, steht zum Glück in keinem Register und das Praktikum als Gabelstapelfahrer soll ich besser weglassen, meint meine Freundin. Das interessiere die Behörde nicht und manchmal würden sich da etwas komische Leute als Berufsbetreuer bewerben. Komisch, denke ich, komisch bin ich doch auch, aber das sollen die besser nicht wissen.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und der Umzug mit Zuständigkeitslücken

Die geistig und seelisch behinderte Frau G. hat es geschafft: Sie ist schwanger, obwohl ein Säugling wirklich nicht die sinnvollste Idee ist, die ihrem Umfeld zu ihrem chaotischen Leben einfällt. Nun, der Murkel in ihrem Baum ist auch mit den besten Argumenten nicht wegzudiskutieren, also müssen pragmatische Lösungen her. Das Jugendamt stellt die Bedingung, dass die junge Frau aus ihrer eigenen Wohnung in eine Mutter-Kind-Einrichtung umziehen müsse. Inhaltlich ist dies nachvollziehbar, auch wenn die Einrichtung 80 Kilometer vom Wohnort der Frau G. entfernt liegt. Praktisch fangen hier die Probleme an, und zwar ganz unmittelbar.

Selbstverständlich kann man Frau G. nicht zumuten, dem Umzug ins Mutter-Kind-Heim zuzustimmen, ohne sich die Räumlichkeiten dort einmal angeschaut zu haben.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Besuchshäufigkeit

Es gibt bei einigen besonders eifrigen Rechtspflegern den Wunsch, die selbstgerechten Berufsbetreuer an die kürzere Leine zu nehmen. Während man als dienstbeflissener Rechtspfleger, eingesperrt im engen Büro, im Kreuzfeuer der Akten, Gesetze und dem nicht enden wollenden Strom des Publikumsverkehrs steht, machen die rechtlichen Betreuer draußen, was sie wollen. Völlig ohne Chef und Kontrolle, ständig den Versuchungen von Eiscafés und Müßiggang ausgesetzt, mogeln sie sich durch ihr Berufsleben und vernachlässigen ihre Pflichten.

So kam die Regelung des § 1793 BGB, wonach der Vormund den Mündel "in der Regel" einmal im Monat in dessen üblicher Umgebung aufzusuchen hat, ganz gelegen. Ohne eine tatsächliche Rechtsgrundlage wird diese Vorschrift von einigen Gerichten auf das Betreuungsrecht übertragen und vom Betreuer ein Nachweis seiner Besuchshäufigkeit bei seinen Klienten gefordert.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die finanziellen Verhältnisse

Wie in vielen Betreuungsfällen, muss Frau Eff auch bei Herrn K. nicht nur die aktuellen Ausgaben im Blick behalten, sondern auch die zukünftigen. Das ist nicht einfach, weil das Gericht keinen Einwilligungsvorbehalt angeordnet hat und das Konto von Herrn K. selten ein größeres Guthaben aufweist.

Mit großem Glück hat Herr K. zusätzlich zur kleinen Erwerbsminderungsrente einen sogenannten Mini-Job ergattert und freut sich wie ein Schneekönig, nun endlich mal etwas mehr Geld zur Verfügung zu haben. Die nervige Frau Eff trübt seine Freude, indem sie andauernd daran erinnert, dass er sich selbst krankenversichern muss. Alle für die Beitragsberechnung notwendigen Unterlagen sind bei der Krankenversicherung eingereicht, die Berechnung zieht sich aber hin wie Kaugummi. Als endlich der Bescheid über die monatlichen Beiträge in Höhe von 210 Euro kommt, die natürlich auch nachträglich gezahlt werden müssen, sieht es auf Herrn K.s Konto ziemlich mager aus.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Schwierigsten

Die engagierte Debatte in der psychosozialen Szene über geschlossene Einrichtungen und die Verantwortung gegenüber den schwierigen Klienten wird von Frau Eff aufmerksam verfolgt. Es ist zu beobachten, dass es zwei Lager gibt: Auf der einen Seite die alten Psychohasen in den 68er-Cordhosen, die grundsätzlich gegen geschlossene Heime sind, weil dies nicht ihrem Menschenbild entspricht und alle Reformerfolge aufs Bitterste verraten würde. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die jeden Tag mit schwer gestörten, aggressiven, kranken Menschen zu tun haben. Die haben auch Ideale, die sie nicht verkaufen wollen, müssen aber trotzdem handeln. Sie können diejenigen, die die Forensik noch nicht, und das Wohnheim nicht mehr aufnehmen will, nicht einfach irgendwo in eine Abstellkammer sperren, bis ihnen etwas einfällt. Also sucht man eine geschlossene Einrichtung, in der man nach Möglichkeit nicht selbst arbeiten muss. Sankt-Florian-Prinzip, Sie kennen das.

FrauEffFrau Eff, Berufsbetreuerin… und die Einwilligung im Krankenhaus

Alle rechtlichen Betreuer kennen diese Situation: Für den nur leicht seelisch oder geistig behinderten Klienten wurde auch der Aufgabenkreis Gesundheitssorge angeordnet. Grund dafür war, dass der Betreuer berechtigt werden sollte, Auskünfte über die gesundheitliche Situation des Betroffenen zu erhalten, wenn dies zum Beispiel für Anträge bei der Krankenkasse oder der Rentenversicherung notwendig sein sollte. Nicht beabsichtigt war, dass der Betreute damit hinsichtlich jeder ärztlichen Maßnahme oder Behandlung entmündigt wird. Tatsächlich ist aber genau dies die traurige Konsequenz.

Es sollte eigentlich jedem Arzt klar sein, dass ein einwilligungsfähiger Patient selbstständig und alleine einer Behandlung zustimmen kann, wenn er die Bedeutung und die Tragweite der medizinischen Maßnahme im Wesentlichen begreift. In einer solchen Situation einem Patienten mit unklaren Bauchschmerzen ein CT zu verweigern, einer Patientin mit einem gebrochenen Arm die notwendige Operation, einer Patientin mit Hexenschuss die Untersuchung oder einem Patienten mit Zahnschmerzen die Behandlung, nenne ich unterlassene Hilfeleistung.