Samstag, 19. Mai 2012

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Frau Eff… und die Einzelgänger

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Frau Eff, Berufs­be­treuerin … und die Einzel­gänger
Frau Eff war bei einer Fort­bil­dung. Dort erklärte der Refe­rent, dass es neben den klas­si­schen ICD-Krank­heiten unter den Ober­be­griffen „Psycho­sen“ und „Persön­lich­keits­stö­run­gen“ zuneh­mend psychi­sche Erkran­kungen gäbe, die gar nicht in das ICD-System und dessen Klas­si­fi­zie­rung passen würden. Eine Ärztin sagte über­spitzt, man solle doch bitte Leuten, die vorhätten, psychisch krank zu werden, vorher die ICD-Liste aushän­digen, damit die Kliniken nicht andau­ernd mit unde­fi­nier­baren Krank­heits­bil­dern konfron­tiert würden.

Dieselben Fach­leute berich­teten auch, dass man immer häufiger mit Pati­enten zu tun habe, die so massiv gestört seien, dass man ratlos vor diesem Problem stünde. Habe es früher in jeder Region den ein oder anderen Systemsprenger gegeben, der einfach als Sonder­ling tole­riert worden sei, tauchten heute zuneh­mend mehr Pati­enten mit Doppel­dia­gnosen, extremen sozialen Auffäl­lig­keiten, uner­klär­li­chen Fremd- und Auto­ag­gres­sionen auf.

Inter­essan­ter­weise hat man fest­ge­stellt, dass bei Pati­enten mit unklaren psychi­schen Krank­heits­bil­dern und „Menschen mit beson­deren Heraus­for­de­run­gen“ (wie man im Zeit­alter der Inklu­sion so nett sagt), eine Gemein­sam­keit besteht: Sie alle können kaum mit den klas­si­schen Grup­pen­an­ge­boten erreicht werden. Das macht die Profis hilflos, weil damit 90 Prozent ihrer „Werk­zeuge“ wegfallen: Kein Zwang zum gemein­samen Früh­stück, kein Austausch in der Morgen­runde, keine tagess­truk­tu­rie­renden Maßnahmen in der gesel­ligen Begeg­nungs­stätte, keine gemein­samen Spazier­gänge, keine Mehr­bett­zimmer in der Klinik, keine Malgruppe, keine Reha-Maßnahme in Kurhotel, kein Wohn­heim, keine Werk­statt für Menschen mit Behin­de­rung.

Und ich kann gar nicht laut genug sagen, wie gut ich das verstehen kann. Wenn ich mir vorstelle, ich würde dazu genö­tigt, mich mit einem Dutzend anderer Menschen an einen Tisch zu setzen und Mahl­zeiten einzu­nehmen, um meinen Willen (Compliance!) zur Gene­sung zu zeigen – man würde mich wahr­schein­lich nie mehr aus der Klapse entlassen. Oder diese Kinder­gar­ten­gruppen, in denen erwach­sene Menschen mit Wasser­farben ihre Ängste zu Papier bringen sollen. Beschäf­ti­gungs­the­rapie mit Peddig­rohr (googlen Sie das, wenn Sie nicht wissen, was das ist). Schon bei dem Wort „Seiden­mal­gruppe“ kriege ich Psycho­durch­fall. Es kann ja meinet­wegen gerne so sein, dass viele psychisch kranke Menschen mit Grup­pen­ak­ti­vi­täten thera­piert werden können. Ich. Aber. Nicht. Das weiß ich ganz sicher. Und ich weiß auch, dass einigen psychisch Kranken nur das innere Exil bleibt, um sich vor dem Gesel­lig­keits­wahn der Behandler zu retten. Jemand, der auch im gesunden Zustand nicht auf Partys geht, Weih­nachts­märkte meidet wie die Pest, nie in einer WG gewohnt hat und ein schwei­gend mit Büchern und Musik verbrachtes Wochen­ende für eine gelun­gene Sache hält, für den ist jedes nieder­schwel­lige Angebot mit Kaffee und Kuchen die Hölle.

Hier Alter­na­tiven zu finden, die auch für Einzel­gänger, für sper­rige Menschen, für unso­ziale Quer­köpfe heilsam sein können, das ist eine inter­essante Heraus­for­de­rung. Relativ einfach ist es, in Heimen und Kliniken die Möglich­keit zu bieten, Mahl­zeiten im Zimmer einzu­nehmen und Grup­pen­ver­an­stal­tungen grund­sätz­lich auf frei­wil­liger Basis durch­zu­führen. Viel schwie­riger ist es, einem aggres­siven Straf­täter auf Bewäh­rung und seiner schwer psycho­ti­schen Frau inner­halb einer Heimein­rich­tung ein abge­schlos­senes Appar­te­ment zur Verfü­gung zu stellen. Aber auch das geht. Genauso, wie es mit etwas Glück und Ausdauer möglich ist, Wohn­raum für Menschen zu finden, die keiner Nach­bar­schaft zumutbar sind. Mit etwas Krea­ti­vität und dem Mut, auf der Grenze der Lega­lität zu balan­cieren, kommt man hier schon sehr weit.

Man kann auch  jemandem, der im Leer­gut­sam­meln für sich eine Alter­na­tive zur Werk­statt für behin­derte Menschen sieht, einen Raum als Zwischen­lager für die Flaschen zur Verfü­gung stellen (und seinen Verdienst nicht beim Sozi­al­hil­fe­träger verpetzen). Man kann es dulden, wenn jemand als „selbst­stän­diger Allein­gärtner mit eigenem Auftrag“ das Unkraut in öffent­li­chen Anlagen jätet. Man kann dies auch aktiv unter­stützen, indem man ihm Gärt­ner­klei­dung und eine kleine Entloh­nung über die Arbeits­the­rapie der psych­ia­tri­schen Klinik zukommen lässt.
Man kann alle diese Ideen sogar noch viel, viel weiter spinnen, indem man die Frei­gabe von WfbM-Kosten als persön­li­ches Budget für Arbeit­sas­sis­tenz voran­treibt.

Und nicht zuletzt: Ganz oben auf der Wunsch­liste für die Einzel­gänger stünde bei mir der nieder­ge­las­sene Psych­iater, der Haus­be­suche macht. Denn auch volle Warte­zimmer sind Grup­pen­ver­an­stal­tungen, denen sich einige Menschen nicht aussetzen wollen.