Samstag, 19. Mai 2012

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Frau Eff… und das Glück

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Frau Eff, Berufs­be­treuerin… und das Glück
Ein langer Arbeitstag mit vielen Haus­be­su­chen, zwei Gesprä­chen in der psych­ia­tri­schen Klinik, ein Kran­ken­h­aus­be­such. Unter­wegs in den herun­ter­ge­kom­menen Wohn­sied­lungen der Stadt, da, wo frei­willig keiner hinzieht. Verdreckte Fassaden, einge­tre­tene Haustüren, das Plastik der Klin­gel­knöpfe mit dem Feuer­zeug ange­ko­kelt, die Fahr­stühle defekt. Vor den Haus­ein­gängen Stapel mit Sperr­müll, auf den Straßen kaum Autos – wenn, dann ist es das Fahr­zeug eines Pfle­ge­dienstes.

Der letzte Termin dann bei Herrn B. „Gestern“ erzählt mir Herr B „hat sich jemand bei mir bedankt. Das hat sich schön ange­hört“. Er berichtet, wie er beim Spazier­gang einem Jogger den engen Waldweg frei­ge­macht hat, damit dieser unge­hin­dert weiter­laufen konnte. Im Vorbei­laufen habe der Sportler „Danke!“ gerufen. „Gern gesche­hen“, habe er geant­wortet, sagt Herr B. Das sei nach fünf Tagen das erste Mal gewesen, dass er mit einem Menschen gespro­chen habe.

Als ich Zuhause ankomme und meine Einkäufe auspacke, frische Blumen, Fleisch vom Biometzger, Wein, und mich mein Liebster mit einem Kuss begrüßt, muss ich wieder an Herrn B. denken. Er sieht zwangs­läufig viel von meinem Leben: Er weiß, dass ich ein neues Auto gekauft habe, dass ich mehr­mals im Jahr in Urlaub fahre, dass ich glück­lich verhei­ratet bin, in einer großen Wohnung wohne, mehr Geld habe, als ich tatsäch­lich brauche. Und er ahnt sicher, dass ein Netz­werk von Freunden, Verwandten und Bekannten mich trägt, dass ich nicht alleine sein muss, wenn ich nicht will. Ich habe in meinem Leben das Brot vieler Urlaubs­länder geschmeckt, ich durfte lernen und studieren. Ich darf jede Woche erleben, wie herz­er­fri­schend es ist, in einem Chor zu singen. Ich mag meinen Körper, ich bin gesund. Ich habe Freude am Lesen, am Denken und am Zeichnen. Und so viel mehr. Mein ganzes verdammtes Leben ist ein einziges Glück. Und mir ist sogar der unfass­bare Luxus in die Wiege gelegt worden, dies mit B. Brecht reflek­tieren zu können, der sagt „Nichts / Von dem, was ich tue, berech­tigt mich dazu, mich satt­zuessen./ Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)“.

Wie schwer muss es für Herrn B. sein, mir neidlos zu begegnen. Sich von mir sein Geld in wöchent­li­chen Raten auszahlen zu lassen. Zu ahnen, dass ich zu den Leuten gehöre, die 78 Euro für eine Bob-Dylan Konzert­karte ausgeben. Wie still sitzt Herr B. in seiner Einsam­keit. Und wie oft sagt er sich viel­leicht, dass er es ja selbst Schuld ist, dass er keine Freunde hat. Niemand hilft ihm dabei, zu erkennen, dass Ausge­grenzt­heit und Hoff­nungs­lo­sig­keit die sozialen Folgen seiner durch Armut bedingten Biografie ist. Darin sind auch wir als profes­sio­nelle Helfer nicht geschult: Die Lebens­be­din­gungen als Bedin­gung, als Begren­zung zu sehen. Wir wissen ja, wie es geht. Wir kennen die Auswege, die Ange­bote, die nied­rig­schwel­ligen Teestuben, die freund­li­chen Teams des Betreuten Wohnens, die Nach­bar­schafts­helfer. Aber Herr B. will nicht, ist stur, brummig, sagt „Ich weiß nicht“ und „Mal gucken, viel­leicht demnächst“. Das macht mich ganz unge­duldig. Nein, undankbar ist das nicht, aber irgendwie… hinder­lich. Ich komme in der Sache Herr B. nicht weiter. Ich habe keine Lust, mir seine Einsam­keit jede Woche anzu­sehen. Warum probiert er meine Vorschläge nicht mal aus? Warum vertraut er mir nicht? Ja, warum wohl.
56 Jahre lang hat Herr B. am eigenen Leib erfahren, dass er nichts geschenkt bekommt, dass Vertrauen enttäuscht wird, dass Enttäu­schung bitter schmeckt, dass Still­halten eine gute Stra­tegie ist. Und die Neue, diese soge­nannte Betreuerin, wird er auch noch über­stehen. Es sind immer alle weiter­ge­gangen. Er ist immer dage­blieben. Hier ist sein Platz, am Fenster, hinter der Gardine. Oder am Weges­rand, wenn er den Schnel­leren Platz macht.