Kolumne
Frau Eff… und die verweigerte Hilfe
Der zwanzigjährige Betreute Paul macht Schwierigkeiten – sich, und allen anderen auch. Er bricht die gerade begonnene Lehre ab, zieht sich zurück, ist mundfaul, übellaunig und legt eine deutliche Verweigerungshaltung an den Tag. Ab und zu murmelt er etwas von Angst und Bedrohungen. Seinen Geschwistern gegenüber ist er aggressiv, mit den Eltern will er nicht sprechen. Die Familie bekommt seit einigen Jahren ambulante Unterstützung durch Mitarbeiter des Jugendamtes. Seit der Volljährigkeit bin auch ich als Betreuerin im Boot.
Frau Eff… und die Stromnachzahlungen
Frau Eff, Berufsbetreuerin… und die Stromnachzahlungen
Das Frühjahr ist die Zeit, in der ich mit böser Vorahnung die Jahresabrechnungen der Energieversorger aus den Umschlägen ziehe. Meist sind es dicke Briefe, die das Wichtigste in fetten 14-Punkt-Lettern aufführen: Die Nachzahlung. Da die Heizkosten meist vom Sozialamt oder Jobcenter übernommen wird, ist der interessanteste Posten die Nachzahlung für Strom. Die muss jeder meiner Betreuten aus
Frau Eff… und die rheinischen Lösungen
Frau Eff, Berufsbetreuerin… und die rheinischen Lösungen
Drei Probleme an einem Tag und nur zwei Lösungen: Frau H., 88, ist in der vergangenen Nacht gestorben. So, wie sie es sich gewünscht hat, schnell und schmerzlos. In den vier Jahren, in denen ich die kinderlose Frau begleitet habe, gab es zwei Themen: Das Grab ihres Mannes Rudi und ihre eigene Beerdigung. Ihr Taschengeld im Pflegeheim verwendete Frau H. für die Neubepflanzung von Rudis Reihengrab, sowie für Taxifahrten zum Friedhof an seinem Geburtstag und an anderen Feiertagen. Ihre eigene Beerdigung hatte sie schon lange vor dem Umzug in Heim geregelt und bezahlt. Der örtliche Bestatter weiß, welche Blumen, welchen Sarg, welchen Pfarrer sie wünscht und wer eine Traueranzeige per Post erhalten soll. Auf dem Grabstein steht ihr Name bereits rechts neben dem von Rudi, nur das Sterbejahr fehlt noch. Die relativ hohen Kosten, sicher und zweckgebunden auf einem Treuhandkonto festgelegt, musste ich lange Zeit vor dem begierlichen Zugriff des Sozialamtes verteidigen. Mit ein bisschen Druck und paragraphenunterfütterten Argumenten gelang auch das. Nun sollten sich alle die Mühe und Vorsorge auszahlen, endlich mal keine Billigbestattung über das Ordnungsamt.
Frau Eff… und die modernen Kommunikationswege
Frau Eff, Berufsbetreuerin… und die modernen Kommunikationswege
Es erstaunt mich immer wieder, was alles möglich ist. Vor ein paar Tagen ist es Frau Eff innerhalb kurzer Zeit gelungen, einen Flug auf einen ausländischen Flughafen zu buchen, der am Tag sicher nicht mehr als fünf internationale Flüge landen sieht. Mit ein paar Klicks war es auch möglich, einen Mietwagen zu reservieren, der direkt in der Ankunftshalle übergeben wird. Dank Verbraucherschutz sind die Internetseiten für solche Aktionen und die online auszufüllenden Formulare dafür übersichtlich und selbsterklärend. Als ich gebucht hatte, bekam ich innerhalb von Sekunden eine schriftliche Bestätigung. Danach habe ich mich wieder den SGB II- und Wohngeldanträgen zugewandt, 16-seitige Fragebogenmonster auf muffigem Recyclingpapier, Vermieterbescheinigungen, Anlagen WEP, EK, VM. Die Welt könnte so einfach sein.
Frau Eff… und die Versorgungslücken
Frau Eff, Berufsbetreuerin… und die Versorgungslücken
Dem beidseitig beinamputierte Betreuten Herr G. geht es nicht gut, er muss aus seiner Wohnung in die Kurzzeitpflege. Diese befindet sich praktischerweise direkt im Nachbargebäude, so dass der Pflegedienst, der ihn bisher betreut hat, Herrn G. im Rollstuhl dorthin fahren kann. Wenige Stunden nachdem dies geschehen ist, ruft mich das Pflegeheim an und verlangt nachdrücklich, ich solle bitte sofort Bekleidung für Herrn G. bringen. Man erwartet also von mir, dass ich mich ins Auto setze, elf Kilometer quer durch die Stadt fahre und meinen Betreuten mit frischer Unterwäsche versorge. Der Sozialdienst des Heimes, der für diese Heldentat lediglich 50 Meter überwinden müsste, sieht sich dazu nicht in der Lage.
Frau Eff… hätte etwas tun können.
Frau Eff, Berufsbetreuerin… hätte etwas tun können.
Hubert ist tot. Umgefallen, tot. Maria, seine Freundin ist verzweifelt. Mir könnte das egal sein. Ich hatte nicht den Auftrag, mich um Hubert zu kümmern. Auf meinem Betreuungsbeschluss steht nur Maria, geistig behindert, 45 Jahre alt, drei erwachsene Kinder irgendwo, auch alle geistig behindert, ein weiteres Kind ist unter unklaren Umständen schon vor zwanzig Jahren gestorben. Hubert lebte bei Maria, als ich sie vor zwei Jahren kennen lernte. Er hat es am Anfang vermieden, zuhause zu sein, wenn ich kam. Dann war er Weihnachten mal da, weil draußen das Wetter zu schlecht war für eine Flucht vor mir. Hubert war ein kleiner, magerer Mann, sanft und still, mit hängenden Schultern und flüsterleiser Stimme, kaum vierzig Jahre alt.
Frau Eff… und der externe Gutachter
Frau Eff, Berufsbetreuerin… und der externe Gutachter
Haben Sie Kinder? Ja? Dann stellen Sie sich vor, eines der Kinder hat Zahnschmerzen und große Angst vorm Zahnarzt. Glücklicherweise haben Sie vor einiger Zeit einen Zahnarzt gefunden, der Geduld hat und kindgerecht behandelt. Ihr Kind geht zwar immer noch nicht gerne in seine Praxis, es wehrt sich aber wenigstens nicht mehr mit Gebrüll und Tränen. Die aktuellen Zahnschmerzen haben ihre Ursache in einem entzündeten Backenzahn, das hat der kinderfreundliche Arzt schnell erkannt. Er verschreibt Antibiotika, damit die Entzündung etwas abklingt und der Zahn dann bald behandelt werden kann. Zwei Tage vor dem Behandlungstermin bekommen Sie plötzlich Post von Ihrer Krankenkasse. Die schreibt:„Haben wir über Zahnarzt Dr. XY erfahren, dass Ihr Kind angeblich einen entzündeten Zahn habe, der mit unserem wertvollen Geld behandelt werden soll.
Frau Eff… und die Einzelgänger
Frau Eff, Berufsbetreuerin … und die Einzelgänger
Frau Eff war bei einer Fortbildung. Dort erklärte der Referent, dass es neben den klassischen ICD-Krankheiten unter den Oberbegriffen „Psychosen“ und „Persönlichkeitsstörungen“ zunehmend psychische Erkrankungen gäbe, die gar nicht in das ICD-System und dessen Klassifizierung passen würden. Eine Ärztin sagte überspitzt, man solle doch bitte Leuten, die vorhätten, psychisch krank zu werden, vorher die ICD-Liste aushändigen, damit die Kliniken nicht andauernd mit undefinierbaren Krankheitsbildern konfrontiert würden. Dieselben Fachleute berichteten auch, dass man immer häufiger mit Patienten zu tun habe, die so massiv gestört seien, dass man ratlos vor diesem Problem stünde. Habe es früher in jeder Region den ein oder anderen Systemsprenger gegeben, der einfach als Sonderling toleriert worden sei, tauchten heute zunehmend mehr Patienten mit Doppeldiagnosen, extremen sozialen Auffälligkeiten, unerklärlichen Fremd- und Autoaggressionen auf.
Frau Eff… ist ratlos
Frau Eff, Berufsbetreuerin… ist ratlos
Vor zwei Jahren habe ich die Betreuung von Frau K. von einer Kollegin übernommen, weil Frau K. damit gedroht hatte, deren Tochter umzubringen. Seitdem habe ich in der Sache jede Woche mindestens einmal mit der Polizei, der psychiatrischen Klinik, aufgebrachten Nachbarn und Geschädigten zu tun. Ich bin mit meinen Ideen am Ende. Alles ausprobiert, alles gescheitert. Frau K., Jahrgang 1964, ist leicht geistig behindert und seit ihrer Kindheit psychiatrisch auffällig. Sie hat bereits in sehr vielen offenen und geschlossenen Einrichtungen gelebt, trauriger Höhepunkt war eine fast einjährige Dauerfixierung in einer Spezialgruppe für verhaltensauffällige Menschen mit Doppeldiagnose.
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Frau Eff, Berufsbetreuerin… und die verweigerte Hilfe